Was hat sich denn nun tatsächlich geändert in diesem Sozialen Web?

Als Mensch, der eher aus der technischen Sparte kommt, war Web 2.0 für mich lange Zeit ein Über-Buzz Word, das v.a. neue Web-Technologien (auch wenn sie inzwischen gar nicht mehr so neu waren) zusammenfasst: HTML 5, schön dynamisch mit großartigem UI und UX (umgesetzt mit AJAX, JSON und/oder XML – warum nicht Beides…) verpackt in Cascading Style Sheets der neuesten (und natürlich inkompatibelsten) Version – um nur einige weitere Buzz Words zu nennen.  Dass sich daraus auch weitere Vorteile für Nutzer wie eben das „Web als Plattform“ sowie die „Nutzung kollektiver Intelligenz“ ergeben – wie Tim O’Reilly sie u.a. definiert – war für mich lange Zeit eben ein aus den technischen Möglichkeiten erwachsenes Goodie, ohne dessen wahre, kommende Bedeutung bei meinen ersten Gehversuchen mit dieser „neuen Technik“ Anfang 2000 zu erahnen.

In diesem Zusammenhang, zumindest persönlich, spannend finde ich ein Werk von Christopher Locke: Gonzo-Marketing. Erschienen 2002 – also 2 Jahre vor dem Start von Facebook und noch einige mehr bevor es Massen erreichte – teasert Locke darin bereits reihenweise grundlegende Ideen hinter dem Web als Plattform. Auch wenn die Betrachtungen mit der Marketing-Brille aus einer komplett anderen Richtung als der der PR kommen (sind sie wirklich so verschieden?) finden sich viele der damals teilweise sogar ziemlich abstrus wirkenden Ansätze heute als Basis hinter Social Networks und deren Verknüpfung mit sozialen Medien. Im Grunde geht es auch bei ihm darum, etwas (seien es jetzt Waren oder Botschaften) über Geschichten und diese über reale soziale Bindungen zu verkaufen. Dazu wiederum müssten Plattformen geschaffen werden, über die das Zielpublikum nicht nur angesprochen werde, sondern selbst als überzeugter Meinungsführer Kunde in die Welt hinaus trägt. Freilich war damals noch kein Facebook oder Twitter in Sicht, Locke diente noch die Review- & Kommentar-Funktion beim Versandhändler Amazon als glorifiziertes Beispiel für den Anfang dieser Entwicklung. Aber bereits hier klingt als Idee an, was man im Echo-Prinzip liest:

„Wenn eine Organisation es schafft, dass nicht sie selbst, sondern Menschen für sie sprechen, wird die Botschaft als glaubwürdiger wahrgenommen. „

Und genau das scheint über zu bleiben als Essenz des Social Web, selbst wenn aktuelle Platzhirschen wie Facebook und Twitter in einigen Jahren (oder früher?) den Weg von My Space gehen sollten und von anderen Diensten und Technologien ersetzt werden. Genauso relevant und daher unabhängig überlebensfähig scheint auch die neue stark verwobene Kommunikation über Social Media, soziale Netzwerke, klassische Print- und TV-Medien und deren Online-Auftritte sowie das öffentliche Auftreten seiner Persönlichkeiten. So schreibt Armin Wolf, (selbst)erklärter österreichischer Twitter- und Facebook-Star, nach seinem Oscar-Bronner-Interview zum Jubiläum der Tageszeitung der Standard auch einen kurzen, etwas abfälligen Tweet zum derStandard.at-Forum sowie Foren-Postings im Allgemeinen. Er erntet daraufhin prompt Kritik: ein Großteil der 900 Postings im Forum unter dem Oscar-Bronner Interview in der Online-Ausgabe der Tageszeitung handelt von Armin Wolfs Aktion; auf Twitter folgt herbe Kritik – um das Wort shitstorm nicht zu bemühen. Über all das schreibt Armin Wolf eine umfassende Reaktion auf seiner Facebook Seite, die für ihn auch als Blog fungiert. Auch, dass ich diesen Vorfall in einem Blog-Eintrag reüssiere und diesen vermutlich über Twitter weiterteilen werde, fügt sich zusätzlich in das neue, stark verwobene Kommunikationsbild ein.

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